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Sichtweise des Autoren Manuel Fenn:
Der Tod gehört zum Leben. Das sagt sich so einfach. Denn wenn es soweit ist, trifft er uns doch wie ein Schlag. Uns, die Kinder, die wir uns auf den Tod der Eltern nicht vorbereiten wollen. Wann auch? Wir haben unseren Job, meist stressig, haben selbst Familie, nicht minder zeitintensiv. Im Alltag ist kein Platz für den Tod, und in der Freizeit oder im Urlaub schon gleich gar nicht. Ein Anruf kann alles ändern.Tod ist ein Tabuthema
"Für mich war das Thema Tod ein Tabuthema", sagt der Protagonist Lars am Anfang meines Filmes und ich muss zugeben – für mich war es das auch. Hin und her gerissen zwischen meinem Anspruch als Dokumentarfilmer, den Zuschauer auch mit unbequemen Themen konfrontieren zu wollen, und der eigenen Angst vor der direkten, und durch die Arbeit am Film auch sehr intensiven Begegnung mit dem Tod, begann ich vor fast zwei Jahren mit der Suche nach den Protagonisten für meinen Film. Ich hatte mir vorgenommen, den Prozess des Abschiednehmens von einem Elternteil zu dokumentieren. Ich suchte nach Menschen, die den Tod – bei aller Traurigkeit – als letzte Chance begreifen, eine intensive Zeit mit ihren Eltern zu verbringen, und damit einen positiven Umgang mit dem Tabuthema Tod finden.Doch wer würde sich ausgerechnet in dieser sehr emotionalen Zeit von einem Kamerateam begleiten lassen? Welche eigenen Erfahrungen werde ich im Verlauf der Dreharbeiten machen? Inwieweit breche ich als Filmemacher dieses Tabu, um meinem Auftrag gerecht zu werden, wo ziehe auch ich eine Grenze?Lars und der Abschied von seiner Mutter:
Spagat zwischen Familie und kranker Mutter
Lars (42) lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in München. Zu seiner Mutter hatte er schon immer ein gutes Verhältnis. Als die 74-Jährige so krank wird, dass es keine Hoffnung mehr gibt, ist das für Lars ein Schock. Jedes zweite Wochenende fliegt er nach Berlin, um seine Mutter zu besuchen.
Freude machen und Nähe zulassen
Lars Mutter liegt in einem Hospiz. Sie ist ein großer Fan von Uhren und deshalb bringt ihr Lars gemeinsam mit seinem Vater ihre alte Standuhr. "Damit sie etwas sieht, was ihr Freude macht." Die Krankheit intensiviert die Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Lars sagt der Schwerkranken zum ersten Mal, wie viel sie ihm bedeutet.
Plötzlicher Tod und tröstende Trauerrituale
Unerwartet schnell stirbt die Mutter und hinterlässt einen Sohn, der nur schwer seine Fassung findet, der die tröstende Kraft der Trauerrituale erlebt und dankbar ist, dass es nun auf dem Friedhof einen Platz gibt, wo er seine verstorbene Mutter besuchen kann.
Grenzüberschreitungen?
Eine Grenze spürte ich bereits, als ich meinen Protagonisten Lars (43) das erste Mal traf. Er hatte gerade seine todkranke Mutter im Krankenhaus in Berlin besucht. Er hatte nur wenig Zeit, denn er musste seinen Zug zurück zu seiner Familie nach München erreichen. Die Nachricht, dass seine Mutter bald sterben wird, erschütterte ihn zutiefst. Er befand sich seit Monaten in einer Ausnahmesituation, denn er lebte örtlich getrennt von seiner Mutter und pendelte unentwegt zwischen seinem Wohnort, dem seiner Mutter und seinem Arbeitsplatz hin und her. Eigentlich hätte er sich vierteilen müssen, um seinen eigenen Ansprüchen als Sohn, Familienvater und Angestellter gerecht werden zu können.Als er mir von dieser Mehrfachbelastung erzählt, bricht Lars überraschend in Tränen aus. Ich ertappte mich dabei, mit dieser Situation nur schwer umgehen zu können, gleichzeitig wurde mir klar, dass es eine Bereicherung für den Film wäre, einen Mann als Protagonist zu haben, der bereit ist, vor der Kamera nicht nur von seinen Gefühlen zu erzählen, sondern sie auch zu zeigen. Doch wäre ich auch bereit, sie zu filmen? Als Lars wenige Tage später zusagte, fragte ich ihn, warum er mit machen möchte. Er antwortete, dass er die Hoffnung habe, durch den Film sich selbst besser kennen zu lernen und Antworten auf Fragen finden wird, die er sich alleine, ohne den Film, gar nicht stellen würde. Unter diesem Stern der Gegenseitigkeit durchlebten wir die folgenden Wochen bis zum Tod seiner Mutter und darüber hinaus, und lernten gemeinsam die jeweiligen Grenzen zu spüren und neu zu definieren. Trotz vieler, sehr sensibler Situationen hatte ich nie das Gefühl, nicht erwünscht zu sein oder eine Grenze zu überschreiten, so wie das ursprünglich meine Befürchtung war. Dafür bin ich Lars und seiner ganzen Familie sehr dankbar.Katharina und ihr verstorbener Vater
Wertvolle Zeit mit dem schwer Erkrankten
Katharina lebt mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in Berlin. Sie ist 18 und hat ihren Vater vor einem halben Jahr verloren. Er war erst 51 Jahre alt. Wenn sie von den langen Gesprächen erzählt, die sie mit dem sterbenden Vater an seinem Krankenbett geführt hat, ist es fast, als wäre er noch da.
Keine Unwahrheiten und falsche Rücksichtnahme
Beim Essen saß ihr Vater ihr schräg gegenüber. Katharina ist dankbar dafür, dass ihr Vater von Anfang an offen mit seiner Krankheit Krebs umgegangen ist und seine Familie immer mit einbezogen hat. Es sollte keine Unwahrheit, keine falsche Rücksicht zwischen ihm und seiner Tochter stehen.
Große Wertschätzung für das Leben
Durch das Erlebte hat die junge Frau keine Angst mehr vor dem Tod und damit auch nicht mehr vor dem Leben. Dass ihr Vater immer in ihrem Herzen ist und dass sie ihr Leben nun intensiver und furchtloser leben kann, begreift sie als Geschenk.
Begegnung mit der Trauer
Als ich Katharina (18) kennen lernte, war ihr Vater bereits ein halbes Jahr tot, doch die Erinnerungen an die Zeit des Abschiednehmens immer noch sehr präsent. Ihr Vater starb so, wie vermutlich jeder sterben will - zu Hause, im Kreis seiner Familie. Die Offenheit, mit der er dem Tod begegnete, und damit die ganze Familie, Katharinas Mutter und ihre zwei Geschwister, mit einbezog, zwang sie förmlich in eine Konfrontation mit dem Tod, wie es nur wenige Menschen erfahren. Doch gerade durch die Enttabuisierung des Todes innerhalb der Familie zehrt Katharina von Erfahrungen, die sie ihr ganzen Leben prägen werden. So hat ihr Vater sie jeden Tag spüren lassen, wie glücklich er war, zu Hause sein zu dürfen. Ein Gefühl, dass sie vor allem im Nachhinein als Geschenk betrachtet. Durch den Zusammenhalt ihrer Familie in dieser schwierigen Zeit habe sie bereits in jungen Jahren die Erfahrung gemacht hat, dass sie vor dem Tod keine Angst haben muss. Eine Erkenntnis, die andere erst sehr viel später oder vielleicht nie machen.Doch Katharina musste auch andere Erfahrungen machen. Als sie ihre Trauer mit ihren Freundinnen teilen wollte, bekam sie zu spüren, dass nicht alle Menschen mit dieser Offenheit umgehen können. Einige wandten sich von ihr ab, und ließen sie in ihrem Gefühlschaos alleine. Bis heute ringt sie um Verständnis für diese Reaktion, die sie sich nur durch das Unvermögen mancher Menschen, über Gefühle zu reden, erklären kann.Tod als Teil des Lebens annehmen
Die Zeit, die ich gemeinsam mit meinen Protagonisten verbracht habe, die Begegnung mit den begleitenden Personen, den Familien, den Mitarbeitern der Hospize, den Palliativmedizinern haben mir einen tiefen Einblick in das Thema Tod gegeben. Ich hoffe, mein Film kann davon etwas wieder geben und einen Beitrag dazu leisten, dass jeder Betroffene einen offenen und gemeinschaftlichen Umgang mit dem Tod sucht und findet, statt sich hinter einem vermeintlichen Tabu und seiner eigenen Hilflosigkeit zu verstecken.

