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"Tafel statt Tonne!"
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Vorschau zur Doku
Video: Schätze aus der Tonne
Interview mit "Tafel"-Initiatorin Kiethe
Video: Schätze aus dem Müll
Vorschau: Schätze aus der Tonne
Sichtweise der Autoren Tine Kugler und Günther Kurth:
Aus den Augen, aus dem Sinn: Abgelaufener Joghurt, ein kaputter Toaster, die Puppe, mit der keiner mehr spielt – was wir tagtäglich wegwerfen, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Pro Jahr sind das allein in Deutschland rund 40 Millionen Tonnen Haushaltsmüll, 30 Millionen Tonnen Schrott und bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel, von denen rund zwei Drittel noch genießbar wären. Die Kehrseite unserer Wegwerfgesellschaft ist eine steigende Zahl von Menschen, für die dieser Abfall Lebensgrundlage ist.Müllsucher kennt man bislang vor allem aus Entwicklungsländern. Für unseren Film wollten wir Menschen begleiten, die hier in Deutschland mit dem Sammeln weggeworfener Dinge ihre Existenz sichern. Wie kommt man dazu, Schrotthändler zu werden, sein Essen aus der Tonne zu holen oder die Stadt nach Pfandflaschen zu durchkämmen? Wie reagiert das Umfeld, Verwandte und Freunde? Und was können wir über unser eigenes Konsumverhalten lernen?Protagonisten der Dokumentation:
Pfandflaschen-Sammler Robert
"Es ist zwar nicht ehrenwert, aber normal. Aufheben, was andere wegschmeißen, ist halt nicht so in." Das weiß der 75-jährige Robert, der Rentner und Flaschensammler ist.
"Mülltaucher" Raphael und Nieves
"Wenn ich eines Tages nichts mehr in der Tonne finde, ist das zwar das Ende unserer Lebensweise, aber die Erfüllung unseres Traumes," sagt Raphael, der sich mit seiner Frau Nieves und der kleinen Tochter ausschließlich von weggeworfenen oder aussortierten Lebensmitteln ernährt.
"Schrottladys" Ramona und Suzanne
"Unter einer Tonne wird kein Feierabend gemacht!" Ramona und Suzanne sammeln alles ein, was aus Metall ist: Waschmaschinen, Eisenrohre, Fahrräder, rostige Pfannen.
Rente plus Pfandgeld
Dem ersten Protagonisten sind wir eines Tages zufällig auf der Straße begegnet: Robert, ein sorgfältig gekleideter, drahtiger Mitsiebziger, dessen Fahrrad beladen war mit Pfandflaschen und -dosen. Morgens um neun war er schon fertig mit der ersten Tour, die er bereits im Morgengrauen beginnt, weil da die Konkurrenz noch schläft. Immer mehr Rentner bessern inzwischen ihr knappes Einkommen mit Pfandgeld auf. Vor allem in Großstädten, wo das Leben teuer ist und viele Passanten für acht Cent nicht zum nächsten Automaten laufen. Mit Minirente und Sozialhilfe kommt Robert knapp über die Runden, aber das Flaschensammeln erleichtert ihm manche zusätzliche Ausgabe. Seit zehn Jahren schon sucht er im Müll nach verwertbaren Dingen und hat sich mittlerweile an abschätzige Blicke gewöhnt.Wir haben uns sehr gefreut, dass Robert uns und die Kamera auf seine Touren mitgenommen hat. Die Dreharbeiten mit ihm waren interessant, unterhaltsam und äußerst lehrreich. Wer eine Weile mit den Augen eines Pfandsammlers unterwegs ist, entdeckt in vormals nutzlosen Müllbergen plötzlich "wertvolle" 25 Cent-Dosen, lernt am Inhalt der Container die Anwohner eines Viertels kennen, erntet mitleidige bis aggressive Sprüche – und bewegt sich stets am Rande der Legalität. Rein rechtlich gesehen begehen Mülltaucher Diebstahl, wenn sie weggeworfene Lebensmittel mitnehmen oder Pfandflaschen aus dem Altglascontainer fischen. Dass Flaschensammler immer wieder verwarnt und mit Anzeigen bedroht werden, hätten wir vor den Dreharbeiten nicht für möglich gehalten. Rechtlich ist es Diebstahl, Müll jeder Art aus Tonnen zu entnehmen und doch ist es schwer zu glauben, dass derjenige, der eine Pfandflasche aus dem Abfall fischt (wo sie nicht hingehört) und dem Recyclingkreislauf zuführt, dafür bestraft werden soll. Robert würde sich wünschen, dass Müllsammler nicht verfolgt, sondern mit ein bisschen mehr Respekt behandelt werden: "Ich stehle es ja nicht, ich nehme nur das, was die Leute weggeschmissen haben."Zeichen setzen gegen die Verschwendung
Auf der Suche nach jemandem, der freiwillig und nicht aus finanzieller Notwendigkeit Müll verwertet, stießen wir auf eine Familie, die ausschließlich davon lebt, was andere nicht mehr brauchen oder wollen. Die jungen Eltern Raphael und Nieves wünschen sich vor allem, dass Überfluss und Verschwendung irgendwann ein Ende haben. Der Schutz der Ressourcen liegt ihnen am Herzen, denn jedes Produkt, das neu gekauft wird, hat bereits einen intensiven Weg zurückgelegt, von der Rohstoffgewinnung über den Energieaufwand der Produktion über den Transport der Ware bis zum Verkaufsregal. Die beiden gehören zur wachsenden Bewegung der Mülltaucher, "dumpster diver" oder "Freeganer"."Freeganer" gegen Wegwerfgesellschaft
"Freeganer" setzt sich zusammen aus „frei“ und Veganer, jemand, der auf Tierprodukte verzichtet. Der Freeganismus-Trend entstand Ende der 90er Jahre in New York im Zuge der Globalisierungskritik. Heute gibt es Freeganer-Gruppen in fast allen westlichen Großstädten. Freeganer essen das, was weggeworfen wurde, um den Überfluss in einer Wegwerfgesellschaft zu boykottieren.
Verantwortung für die nächste Generation
Was zunächst paradox klingt: Besonders extrem leben die beiden erst seitdem sie Eltern geworden sind – denn gerade weil sie jetzt eine Tochter haben und Verantwortung für die nächste Generation übernehmen, möchten sie ein Zeichen setzen, gegen Verschwendung und gegen die Wegwerfmentalität. Raphael und Nieves verdienen nichts und wollen auch nichts mehr ausgeben. Einzige Ausnahme: Das Kindergeld, das für eine Familienversicherung verwendet wird. Wer so radikal von den Resten der Gesellschaft lebt, polarisiert - besonders natürlich, wenn er es freiwillig tut, aus Überzeugung. Kritiker bezeichnen die beiden deshalb gern als Schmarotzer und unverantwortliche Eltern, andere erkennen an, was die beiden bewegt und zollen ihnen Respekt für so viel Konsequenz, halten sie der Wegwerfgesellschaft doch lediglich den Spiegel vor.Links
"Schrott stinkt doch nicht!"
Suzanne und Ramona freuen sich über tonnenweise Schrott, denn sie verdienen ihr Geld damit. "Wenn die Menschen weniger wegwerfen würden, wären wir arbeitslos." In ihrer Branche sind die beiden Exotinnen – als Frauen und allein erziehende Mütter. Als Suzanne und Ramona nach der Trennung von ihren Männern allein auf sich gestellt waren, machten sie das Schrott sammeln zum Beruf – anfangs mit einem Kleinwagen und Anhänger, "mitten im Winter, kurz vor Weihnachten, als die Schrottpreise im Keller waren. Doch am Ende konnten wir den Kindern sogar Geschenke kaufen." Mittlerweile haben die zwei Frauen "Opa", einen altersschwachen Pritschenwagen, sind sechs Tage pro Woche quer durch Ostfriesland unterwegs und holen alles ab, was ihnen angeboten wird und aus Metall ist. Ramona und Suzanne müssen viel sammeln, da der Metallpreis täglich schwankt – zwischen 30 und 300 Euro, je nach Jahreszeit und Nachfrage. Die beiden sind an der Küste bekannt wie bunte Hunde, wo sie auftauchen, gibt es stets ein großes Hallo. Mit viel Fleiß, Zuverlässigkeit und Humor haben sich die zwei Frauen einen treuen Kundenstamm erarbeitet. Feste Kunden sind auch die einzige Sicherheit in ihrem Job und wenn der Schrottpreis fällt, müssen sie eben doppelt und dreifach so viel arbeiten.Die Konkurrenz ist groß
Für Suzanne und Ramona ist wichtig, dass Betriebe und Haushalte ihren Abfall nicht anderen Sammlern mitgeben, denn die Konkurrenz wächst täglich. Schrott sammeln wird immer lukrativer und den Job kann theoretisch jeder machen, der starke Arme und ein passendes Fahrzeug hat. Immer mehr fahrende Sammler sind ohne Gewerbeschein unterwegs und nehmen ungefragt alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist.
Kreativerer Umgang mit unseren "Resten"
Drei sehr unterschiedliche Geschichten, Menschen, Motive und Blickwinkel auf unseren Müll. Was neben der Begegnung mit äußerst liebenswerten Menschen bleibt, ist die Erkenntnis: Mit den Resten der Gesellschaft umzugehen ist weder eklig noch unehrenhaft. Wir danken Robert, Nieves, Raphael, Suzanne und Ramona dafür, dass sie uns gezeigt haben, wie wertvoll, lebens- und liebenswert das ist, was wir oft gedankenlos auf den großen Haufen werfen.Wenn es auch in absehbarer Zeit keine Welt ohne Müll geben wird, sollten wir doch offener und kreativer mit unseren Resten umgehen. Heute schon gibt es viel versprechende Ansätze: Tafeln und food banks, bei denen Lebensmittel verteilt werden, die nicht mehr verkauft werden können. Initiativen, die Pfandsammlern den Alltag erleichtern. Sozialkaufhäuser, Umsonst- und Tauschläden. Wird Müll vielleicht irgendwann zum Allgemeingut? Die Rechtslage ist kompliziert, aber allen Menschen, die vom Abfall leben müssen oder wollen, wäre für die Zukunft zu wünschen, dass sie dafür nicht auch noch bestraft werden.

